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Die Stollen an der Porta - unterirdische Rüstungsproduktionen im Zweiten Weltkrieg

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Der Jakobsberg in Porta Westfalica ist heute als Ausflugsziel und Wahrzeichen der Stadt weitläufig bekannt. Was sich aber hinter diesem idyllischen Ort verbirgt, wurde lange Zeit verschwiegen: Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten dort ein Jahr lang Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme - erst an dem Bau der Stollen, dann in den unterirdischen Produktionsstätten. Untergebracht waren sie in den Lagern Barkhausen, Neesen und Hausberge.

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Es ist das Jahr 1944 – die Luftangriffe der Alliierten nehmen weiter zu und gefährden die oberirdische Kriegsproduktion sowie wichtige Produktionsstätten. Der Jakobsberg in Porta Westfalica scheint der ideale Ort zu sein, um die Produktionsstätten unterirdisch zu verlagern und dadurch zu schützen. In dem über 200 Meter hohen Berg sind bereits Sandsteinhöhlen vorhanden, die erweitert werden können. Dafür sollen die KZ-Häftlinge herangezogen werden.


Das Bild zeigt den Blick entlang der Berge auf die Porta: Die Bismarcksäule rechts wurde 1902 erbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Errichtung des ersten Fernsehturms wieder abgerissen

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Die ersten rund 250 Häftlinge trafen im März 1944 aus Buchenwald ein. Für die Unterbringung der Häftlinge hat die SS das Hotel „Kaiserhof“ in Barkhausen beschlagnahmt. Von März 1944 diente das historische Gebäude etwa ein Jahr lang als Konzentrationslager für bis zu 1500 Männer aus 17 Nationen, zum großen Teil Russen und Polen.

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Der dänische Widerstandskämpfer Jørgen Kieler kam mit ungefähr 200 Häftlingen nach Porta Westfalica. In seinen Memoiren schreibt er: 

„Der erste positive Eindruck wich bald angstvollen Ahnungen, als ich auf dem Weg zum Hof eine lateinische Inschrift las, die mit Kohle auf die weiße Wand geschrieben war. „Hic Mortui Vivunt“ stand dort in großen Buchstaben. […] Die Worte „Hier leben die Toten“ verstanden wir; ihre wahre Bedeutung wurde erst im Laufe der folgenden Monate in ihrem vollen Schrecken offenbar.“

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Bis die SS das Hotel beschlagnahmt hat, war der Kaiserhof eines der führenden und beliebtesten gastronomischen Häuser des Kreises. 

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25 mal 15 Meter misst der große Festsaal im Hotel Kaiserhof – das Leid der bis zu 1500 Gefangenen ist nicht messbar: Geschätzt 500 bis 600 Menschen starben hier innerhalb der zwölf Monate. Die Todesrate lag mit monatlich 4,5 Prozent höher als etwa in Buchenwald, einem der größten KZ auf deutschem Boden.

Das Bild zeigt den großen Saal des Kaiserhofs. Untergebracht waren die Häftlinge in vierstöckigen Bettreihen. Jedes Bett war mit zwei Mann belegt.

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Die Todesursachen waren unterschiedlich: Hunger, Krankheiten, unzureichende medizinische Versorgung, körperliche Schwerstarbeit unter Tage, tödliche Unfälle, brutale Übergriffe der Wachen. Auch die Verpflegung war denkbar schlecht. Brot, dünne Suppe mit Kohlrüben oder Kartoffeln, nur gelegentlich Marmelade, Margarine oder ein Stück Wurst: Trotz der Schwerstarbeit mussten die Männer mit höchstens 1500 Kalorien auskommen.

Die KIeidung auf dem Bild wurde von den Gefangenen getragen.

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Wieslaw Kielar wurde 1944 im Lager Barkhausen untergebracht. In seinem autobiografischen Bericht “Anus Mundi” beschreibt er seine Zeit in Porta:

„In der Nacht bekam ich Schüttelfrost, ich fühlte, dass ich starkes Fieber hatte. Ein quälender Husten zerriss mir buchstäblich die Lungen. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass ich Blut spuckte. Morgens meldete ich mich als Kranker. Ich wurde aber nicht auf den Krankenbau aufgenommen, weil ich zu niedrige Temperatur, kaum 38,5, hatte. Vielleicht war es gut so. Der Raum, den man großartig Revier nannte und der an den Abort grenzte, war eine typische Liquidierungsstätte.“

Das Foto zeigt den für bis zu 1500 Männer viel zu kleinen Waschraum im Hotel Kaiserhof.

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Wie wenig ein Menschenleben wert war, zeigt nicht nur die Behandlung der Häftlinge in den Lagern, sondern auch die Arbeit in den Stollen. Geschuftet wurde in Zwölf-Stunden-Schichten, rund um die Uhr, ohne Ruhetag. Anfangs hatten die entkräfteten KZ-Häftlinge nur eine primitive Ausrüstung: Hacken, Schaufeln und Schubkarren - obwohl es in industriellen Bergwerksproduktionen schon längst Maschinen gab.

Das Foto entstand 2015  während einer Führung.

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Für die Produktionsanlagen mussten drei neue Stollen (Stöhr I und II, Dachs I) in den Jakobsberg getrieben werden. Erst wurde gesprengt, dann musste das Geröll geräumt werden. Mehr als 1500 Menschen waren alleine am Bau beteiligt, darunter etwa 600 Fachkräfte und 1000 KZ-Häftlinge. Insgesamt wurden mehr als 60.000 Kubikmeter Gestein aus dem Jakobsberg gebrochen.

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Im gesamten Stollensystem am Jakobsberg sollte eine Fabrikhalle für die Flugzeugteilproduktion entstehen. Nachdem die deutsche Treibstoffindustrie angegriffen worden war, wurde dieser Plan aber aufgegeben. Im oberen Stollensystem entstanden schließlich neun Stockwerke mit einer Produktionsfläche von knapp 9000 Quadratmetern. Hergestellt wurden dort Radioröhren für Funkanlagen, Tornisterfunkgeräte und Spulen für ferngelenkte Bomben.

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Das untere Stollensystem hat eine Größe von etwa 13.000 bis 14.000 Quadratmetern und ist ebenerdig angelegt. Der ehemalige Sandsteinabbau wurde dafür um das Zehnfache erweitert. Im unteren Stollen sollte eine Schmierölraffinerie entstehen, ausgelegt für eine jährliche Produktion von 5500 Tonnen. Das Kriegsende am 8. Mai kam den Plänen zuvor - 85 Prozent der Maschinen waren da erst installiert.

Der schematische Plan der unterirdischen Anlage Dachs I.

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Auch unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals entstanden Stollen. Der vierstöckige Komplex mit einer Größe von 5300 Quadratmeter wurde im Juli 1944 fertiggestellt.

Das Foto zeigt den ehemaligen Denkmalstollen am jetzigen Schießstand.

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In den unteren drei Etagen wurden Kugellager für Kampfflugzeuge und im oberen Stockwerk Teile für die Panzerabwehrwaffe „Panzerschreck“ produziert.


Zu sehen sind große Werkzeugmaschinen, darunter Drehbänke, die sich 1944 im Denkmalstollen befanden.

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Wilhelm Mohrhoff aus Stemmer wurde als Zimmermannlehrling im Stollen unter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal eingesetzt. Im Gespräch beschreibt er seine Erlebnisse:

„Zuerst wurden wir zur absoluten Verschwiegenheit unter Androhung von schweren Strafen verpflichtet.“

Die Häftlinge hätten wöchentlich 72 Stunden arbeiten müssen, überwiegend „mit Hacke und Schippe“, erzählt Mohrhoff dem Mindener Tageblatt. Den Häftlingen zu helfen oder etwas zukommen zu lassen, sei gefährlich gewesen, sagt er. Er und seine Kollegen hätten dennoch manchmal Obst versteckt, auch Kartoffeln, die von den Häftlingen über offenem Feuer gegart wurden.

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Kurze Zeit später entstand auch am Frettholzweg in Hausberge ein Außenlager. Dort waren hauptsächlich jüdische Frauen untergebracht, die im oberen Stollenteil im Jakobsberg Radioröhren herstellten, während spezielle Männerkommandos aus Sachsenhausen für die Produktion zuständig waren. Das Frauenkonzentrationslager zählte im März 1945 bereits 967 Insassinnen. Ein Ausbau für bis zu 4000 Insassen war vorgesehen.

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Nachdem die Baustellen rund um die Porta weiter vergrößert wurden, stieg im Spätsommer 1944 die Anzahl der Häftlinge auf etwa 1500 Mann. Auf einem benachbarten Wehrmachtsgelände in Lerbeck wurde daher in einer Baracke ein provisorisches Lager errichtet, das bis zu 500 Mann beherbergen sollte.
Im März 1945 befanden sich dort 469 Häftlinge, die unter anderem Flugzeugmotoren reparierten. Obwohl die Unterbringungs- und Arbeitsbedingungen besser waren als in Barkhausen, starben auch hier zahlreiche Häftlinge.

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Bereits am 1. April 1945 wurden die Portaner Lager in Hausberge, Neesen und Barkhausen vor den anrückenden amerikanischen Truppen geräumt. Einige der Häftlinge wurden nach Wöbbelin gebracht, wo sie am 2. Mai 1945 befreit wurden. Der gebürtige Pole und Widerstandskämpfer Henryk Strozyk hat die Befreiung miterlebt:

Nach der Befreiung wog ich 38 Kilogramm. Ich wohnte im Lager mit Zeit- und Feldarbeitern. Das Essen war sehr gut. […] Aber man musste aufpassen, dass man nicht zu viel aß. Man durfte nicht zu viel und vor allem nicht zu fett essen.“
Sehr viele seien gestorben, weil sie zu viel gegessen haben. Ich denke, etwa 50 Prozent aus unserem Transport.“

Das Foto zeigt Henryk Strozyk  mit seiner Frau um 1941.

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Auf Befehl der britischen Militärverwaltung wurde der Stollen unter dem Denkmal im April 1946 gesprengt. Auch das Stollensystem im Jakobsberg wurde nach dem Krieg teilweise zerstört. Zeitweise wurden darin noch Champignons gezüchtet und geringe Mengen an Portasandstein abgebaut.

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Nachdem alle Aktivitäten eingestellt waren, wurde der Eingang des Stollens massiv verschlossen, um ein illegales Eindringen zu verhindern.

Das Foto zeigt den Eingang zu einer der Produktionsanlagen im unteren Stollen des Jakobsberges gegenüber dem Portaner Bahnhof.

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2009 wurde der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica gegründet, um die Zeit zwischen 1944 und 1945 zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch das Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Porta Westfalica soll an die Zeit erinnern.

Babette Lissner ist als Ehrenamtliche im Verein tätig. Sie weiß, wie wichtig die Erinnerungsarbeit ist.

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Am 8. Mai 2015, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde der Stollen am Jakobsberg erstmals für eine Führung für die allgemeine Öffentlichkeit geöffnet. Bereits damals gab es mehr Anmeldungen als Plätze.
Auch 2016 gibt es am 7. und 8. Mai eine Führung. Dafür gab es innerhalb kurzer Zeit 2000 bis 3000 Interessierte. Ob es weitere Führungen geben wird, ist derzeit noch ungewiss.

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Eine Multimediareportage von Annabell Bialas

Quellen: Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, MT-Artikel von Robert Kauffeld und Stefan Lyrath, Rede von Thomas Lange, Reinhold Blanke-Bohne, Diplomarbeit von 1984 im Studiengang Sozialpädagogik und Projektarbeit des Q2 Zusatzkurses Geschichte 2014/2015 des Städtischen Gymnasiums Porta Westfalica

Fotos: Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, "Als unser Omma noch klein war", Bilder aus dem alten Barkhausen von Robert Kauffeld, Fritz W. Franzmeyer
und Hans Rösler, Jochen Sunderbrink, MT-Archiv und Annabell Bialas

Grafik: MT

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